Aggression mit Gefühl

Seit mehr als 2 Jahren arbeiten Dominik Maier und Roman Leitner zusammen. Roman war früher oft gewalttätig. Jetzt hat er schon fast ein Jahr lang niemandem mehr weh getan.

„Gewalttätig zu sein, heißt nicht, dass man ein schlechter Mensch ist“, schickt Dominik Maier gleich vorweg und erklärt „diese Handlungen kommen bloß aus einer Hilflosigkeit heraus“. Die beiden Beschäftigten der Werkstätte Niederneukirchen haben daher intensiv daran gearbeitet, Roman Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen er selbst in herausfordernden Situationen einen Weg aus der Hilflosigkeit findet.

Übergriffe hinterfragen

„Ich wurde genauso angegriffen, aber ich habe diese Übergriffe immer hinterfragt“, erklärt der ausgebildete Gewaltpädagoge und macht deutlich: „Bevor Gewalt entsteht, wurden bereits alle anderen Gefühle wie etwa Wut oder Trauer ausgeschöpft. Man muss sich daher immer fragen: Woher kommt die Gewalt?“. Der ausgebildete Gewaltpädagoge plädiert dafür, einen Übergriff nicht persönlich zu nehmen und auf die Person hinter den Übergriffen nicht zu vergessen „Oft sieht man dann nur die Handlung selbst und vergisst auf die Person, die dahinter steht“.

Gefühle an der Tagesordnung

Einen fixen Tagesablauf haben die beiden nicht, denn Roman liebt Abwechslung und besucht daher meist die verschiedenen Gruppen der Werkstätte. Ein Fixpunkt der täglichen Agenda ist jedoch, über Gefühle zu sprechen. „Früher hat Roman gesagt ‚mir geht es nicht gut‘ und hat sich alleine in eine Ecke gelegt. Isolation ist in diesem Fall jedoch das Schlechteste! Geht es Roman heute schlecht, bleibe ich bei ihm, und wir erforschen die Ursachen für seine Gefühle“ erzählt Dominik und Roman nickt dazu.

Es hilft, Gefühle einfach zu benennen. Dabei unterstützen gezielte Fragen sowie ein Spiegeln der Gefühle „Du hast mir gesagt es geht dir nicht gut. Wie fühlst du dich? Fühlst du dich traurig oder wütend?“, fragt Dominik Maier dann zum Beispiel. „Das primäre Gefühl wie etwa Wut oder Trauer muss erst einmal verschwinden, bevor man an die Ursachen herangehen kann“, erklärt er den Hintergrund dafür, die Gefühle zu erfassen.

Aggression ist etwas Positives

Das Wort Aggression stammt vom lateinischen Begriff „aggredi“ ab, was so viel wie „annähern/an etwas herangehen“ bedeutet. „Heute könnte man dies wohl mit Neugierde übersetzen. Aggression ist als natürlicher Trieb anzusehen, für den es keiner bewussten Handlung bedarf. Das ist doch eine prima Sache“, erklärt der Fachsozialbetreuer und ergänzt: „bei der Aggression gibt es einen sehr hohen Anteil an Selbstoffenbarung, bei einer Gewalthandlung gibt es genau das nicht“.

Er spricht daher lieber ganz offen von Gewalt –erklärt den Begriff jedoch weiter: „Gewalt fängt bereits dort an, wo etwas gegen den eigenen Willen geschieht. So sind beispielsweise die vorgegebene Strukturen schon in den Schulen eine Form von struktureller Gewalt“. Dominik Maier ist daher darauf bedacht, Bevormundung zu vermeiden, indem er Roman Alternativen bietet, aus denen er wählen kann. Somit kann Roman selbst das Ruder in die Hand nehmen und sagen, was ihm gut tut. „Jetzt bin ich nicht mehr so oft wütend“, meint Roman Leitner und erklärt, wie er heute mit schwierigen Situationen umgeht. „Wenn ich einmal wütend bin, dann gehe ich weg“. 

Raum für einen Neuanfang

Anfangs war die Situation für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Roman‘s Gewalt richtete sich nicht nur gegen ihn selbst, sondern auch gegen Kollegen und Mitarbeiter. Ein Schlüsselpunkt zur Verbesserung der Situation war deshalb auch hier der Ansatz: Offen über Vorfälle zu sprechen und Gefühle zu benennen. „Dass wir Roman den Raum zur Entfaltung geben konnten, ist eine tolle Leistung des gesamten Teams. Ohne den Rückhalt der Kollegen und einer guten Kultur der Zusammenarbeit wäre die Situation heute eine Andere“, lobt Dominik das Team der Werkstätte Niederneukirchen. Während dieser als Gewaltpädagoge anfangs den Großteil der Zeit mit Roman Leitner verbracht hat, wird in der Begleitung von Roman nun in einem Betreuungsrad täglich gewechselt.

„Stolz darauf, dass es mir gut geht“

„Ich bin stolz darauf, dass es mir gut geht“, freut sich Roman Leitner. Seine Aussage lässt erahnen, wie viel Arbeit dahinter steckt, dass er heute so sein kann wie er ist. Betrachtet man seine Vorgeschichte, wird klar, dass er zum ersten Mal ein fixer Teil einer Gruppe ist. Auch seine Wünsche für die Zukunft sind ganz simpel: „Dass es mir gut geht“. Dabei lacht er gelöst und sonnt sich in den Worten seines Begleiters, der erklärt „Ich bin stolz auf Roman. Darauf, dass er seit fast einem Jahr übergriffsfrei ist, zugänglicher geworden ist und mittlerweile auch über seine Gefühle sprechen kann“. Die beiden haben zusammen Höhen und Tiefen erlebt – jetzt ernten sie die Früchte ihrer gemeinsamen Arbeit und haben bei der Arbeit auch viel Spaß zusammen.

Internes Hilfenetzwerk entsteht

Damit Mitarbeiter der Lebenshilfe bei gewalttätigen Übergriffen nicht alleine gelassen werden, wird ein internes Netzwerk an Beratern aufgebaut, die bei Bedarf zu Rate gezogen werden können. „Ich bin überzeugt davon, dass jeder annähernd gewaltfrei werden kann. Ich hätte viele Tools schon viel früher gut gebrauchen können“, so Dominik. „Meine Kollegen sollen wissen, dass es OK ist, Angst zu haben und sich Hilfe zu holen, und das schon bevor ein Thema auf die äußerste Spitze getrieben wird“, malt der motivierte Mitarbeiter ein Bild für die Zukunft. Sein Wunsch ist es, auch Klienten in Gewaltprävention zu schulen und sich dafür einsetzen, dass es selbstverständlicher wird über Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen.

Während Dominik’s Ausführungen lacht Roman immer weiter in sich hinein. „Wieso lachst du? Was ist so lustig?“, fragt Dominik. „Weil’s ma gut geht“, strahlt Roman.