Früchte der Zusammenarbeit

von Lebenshilfe Oberösterreich (Kommentare: 0)

"Sebastian hat in seinem Leben schon viel geschafft", sind sich Andreas Zeininger, Betreuer aus dem Wohnhaus Mondsee und Thomas Wesenauer, Betreuer aus der Werkstätte Mondsee, einig. Seine Bezugsbetreuer sind die Köpfe eines Netzwerks, das Sebastian wohnhaus- und werkstättenübergreifend auf seinem Genesungsweg unterstützt.

Neuanfänge

Schon seit der Neueröffnung im Jahr 2011 arbeitet Andreas Zeininger im Wohnhaus Mondsee und war von der ersten Minute an dabei, als Sebastian Knoblechner einzog. „Wir hatten von Anfang an einen guten Draht zueinander", erzählt Andreas Zeininger, während Sebastian Knoblechner bekräftigend nickt. Zeitgleich zum Umzug begann Sebastian in der Werkstätte Mondsee zu arbeiten und hatte dabei noch einen weiteren Lebenseinschnitt zu verarbeiten: seine Mutter verstarb.

Zeitversetzter Trauerprozess

Diese tiefgreifenden Änderungen zogen Sebastian den Boden unter den Füßen weg. Gefühlsmäßig so richtig an die Oberfläche kam der Verlust allerdings erst zwei Jahre später und stellte eine sehr intensive Zeit für alle Beteiligten dar. „Da war er ein ganz anderer Sebastian", so Andreas Zeininger und erklärt: „Sebastian braucht länger, um ein Ereignis zu verarbeiten oder mit einem Abschnitt abzuschließen. Wir haben zum Beispiel noch lange nach seiner Zeit in St. Isidor die Gruppe Mogli und die Lehrerinnen dort besucht, weil ihm das wichtig war." Die schwere Zeit gab den beiden gleichzeitig die Gelegenheit, zusammenzuwachsen und Vertrauen aufzubauen.

Weitere Bewährungsprobe

Wie sich später herausstellte, wussten sie diese Vertrauensbasis noch oft zu schätzen, denn im Sommer 2015 zeichnete sich ein weiterer Stein auf Sebastians Lebensweg ab: Seine rechte Kniescheibe begann, regelmäßig auszukugeln. Das ging sogar so weit, dass Sebastian im Rollstuhl saß, weil er das Knie gar nicht mehr belasten konnte. Im Herbst war dann klar: eine Operation ist unvermeidlich.

Bei den zahlreichen Terminen und Voruntersuchungen bei Ärzten und Orthopäden wurde Sebastian immer von Andreas Zeininger und seiner Schwester, die auch seine Sachwalterin ist, begleitet. Nach sechs Terminen in Salzburg wurde Sebastian an das Krankenhaus Stolzalpe in Murau (Steiermark), einer Spezialklinik für Menschen mit Beeinträchtigung und Fehlstellungen, verwiesen. Auch hier war lange nicht klar, ob man Sebastian operieren konnte.

Andreas Zeininger hat bei den vielen Terminen Flexibilität bewiesen und hat keine Dienstplanänderungen gescheut: „Mir war es wichtig, bei allen Gesprächen persönlich mit dabei zu sein", erklärt er. Selbstverständlich war auch Sebastian immer eingebunden und sich der Risiken und möglichen Komplikationen bewusst: „O mein Gott", rutscht es ihm bei der Erinnerung an die Angst vor der Narkose heraus.

Herausfordernde Zeiten

Erst ein Jahr nachdem die Probleme mit der Kniescheibe begonnen hatten , kam es endlich zur Operation. „Es ging hier um Sebastians Gesundheit, einem wesentlichen Teil seiner Lebensqualität. Deshalb haben wir nicht locker gelassen. Gerade wenn man sich selbst nicht so gut artikulieren kann, ist es wichtig, dass da jemand am Ball bleibt", erklärt Andreas Zeininger.

Er begleitete Sebastian auch zur Operation und war fünf Tage vor Ort anwesend. Ein Aufenthalt von zehn stationären Tagen war für Sebastian geplant - letztendlich sollten drei Monate daraus werden. Durch den großen operativen Eingriff kam Sebastian an seine Grenzen, da die Wundheilung nicht optimal verlief und dies den Heilungsprozess enorm verlängerte.

Kennenlernen im Krankenhaus

Genau zu diesem Zeitpunkt trat Thomas Wesenauer in Sebastians Leben. Zum ersten Mal war er Sebastian Knoblechner im Jahr 2011 bei der Eröffnung der Wohneinrichtung in Mondsee begegnet. „Sebastian war wie ein Pfitschipfeil", erinnert sich Thomas zurück.

Die zweite Begegnung sollte ganz anders aussehen. Thomas Wesenauer trat die Stelle als neuer Bezugsbetreuer in der Werkstätte an und besuchte den frisch operierten Sebastian im Krankenhaus.

Ungewohnte Hilflosigkeit

So herausfordernd das gegenseitige Kennenlernen unter diesen Umständen auch war, so vorteilhaft war Thomas Wesenauers beruflicher Hintergrund: Er war zuvor zehn Jahre lang in der Altenpflege tätig und konnte die pflegerischen Herausforderungen mit viel Erfahrung meistern.

„Ich bin von 0 auf 100 in Sebastians Leben geplatzt", blickt Thomas Wesenauer zurück. Sebastian war es nicht gewohnt, auf so viel Hilfe angewiesen zu sein. Da Thomas Weseneauer Sebastian in einer 1:1 Betreuung begleitet, die es im Wohnhaus nicht gibt, übernahm er während Sebastians sechswöchigem Heimataufenthaltes vorübergehend im Wohnhaus die Betreuung des bettlägerigen Klienten.

Gemeinsam am Strang ziehen

Der Genesungsweg war von einigen Komplikationen gesäumt und Schritt für Schritt zu bewältigen. „Anfangs war es unvorstellbar, dass Sebastian wieder gehen kann. Er hat viel Geduld bewiesen, wo andere die Flinte schon lange ins Korn geworfen hätten", blickt Thomas Wesenauer zurück.

Sebastian konnte am Genesungsweg nicht nur auf seine Bezugsbetreuer zählen, sondern auf ein ganzes Netzwerk an Unterstützern. Etwa auf die Diplomkrankenschwester, die die Verbandswechsel im Wohnhaus durchführte. Ansonsten hätte man dafür täglich einen Arzt aufsuchen müssen. Wohnhaus, Werkstätte und die Bezugsbetreuer arbeiteten Hand in Hand und stimmten sich laufend ab. „Wir können uns aufeinander verlassen. Das ist nicht selbstverständlich und schätze ich sehr", so Thomas Wesenauer.

Echte Freundschaftsdienste

Große Unterstützung bekam Sebastian auch von seinen Kollegen aus dem Wohnhaus und der Werkstätte. Mehrmals pro Monat besuchten sie Sebastian im Krankenhaus. Echte Freundschaftsdienste, wenn man bedenkt, dass sie dabei eine sechsstündige Autofahrt auf sich nehmen mussten, um Sebastian für weniger als eine Stunde besuchen zu können. Dazwischen wurde immer wieder geskyped, um in Kontakt zu bleiben.

Thomas Wesenenauer legte viel Wert darauf, während der Krankenhaus- und Rehaaufenthalte trotz der Distanz eine konstante Bezugsperson für Sebastian zu sein. „Sebastian legt aufgrund seiner Vergangenheit viel Wert auf Kontinuität. Deshalb war es mir besonders wichtig, ihm zu vermitteln, dass er als Betreuer auf mich zählen kann", erklärt er. Unzählige Male hat er daher lange Fahrzeiten auf sich genommen. „So viele Kilometer wie seit der Zusammenarbeit mit Sebastian bin ich zuvor in meinem ganzen Leben noch nicht gefahren", schmunzelt Thomas.

Große Freude über Wendepunkte

Sebastian ist es wichtig, ordentlich gekleidet zu sein. Der erste Tag in Jeans war daher ein Freudentag. Ein weiterer Meilenstein war, wieder an der Rosenkranz-Gruppe teilzunehmen - die erste außertourliche Aktivität, an der Sebastian nach der Operation teilnahm. Als Sebastian das erste Mal nicht in den Caddy hineingehoben werden musste, sondern sich aus eigener Kraft hineinhieven konnte, wurde diese Errungenschaft sogar auf Video festgehalten. Das erste Mal wieder in der Integrativen Beschäftigung in der Firma Rauch zu arbeiten, war ebenso ein Highlight. Wegen der Infektionsgefahr wurde gewartet, bis die Wunde vollständig abgeheilt war.

Vom Rollstuhl nicht bremsen lassen

Im Rollstuhl zu sitzen ist für Sebastian eine große Umstellung, der er mit viel Optimismus begegnet. So beweist er zum Beispiel sogar beim Tanzen, dass ein Rolli kein Hindernis ist. Auch Aufgaben in der Werkstätte oder im Wohnhaus nimmt Sebastian wieder wahr. Müll entsorgen zählte früher zu seinen Aufgaben und auch jetzt lässt er sich vom Rollstuhl nicht davon abhalten, persönlich ins Altstoffsammelzentrum zu fahren. Einkäufe, Staubsaugdienste oder Kochen erledigt er ebenso mit vollem Einsatz. Auch von den verschiedensten Freizeitaktivitäten wie etwa Schwimmen im Mondsee, einem Thermenbesuch oder einem Urlaub in Slowenien lässt er sich nicht abhalten.

„Seine Beeinträchtigung bringt die Gabe mit, alles um sich herum aus einem positiven Blickwinkel zu betrachten. Sebastian hat sich stets motiviert gezeigt - da macht es besonders Spaß, Energie zu investieren und Wege zu finden, seine Wünsche Realität werden zu lassen", so Thomas Wesenauer.

Der Wunsch nach der gewohnten Mobilität

Noch Monate nach der Operation hatte Sebastian Angst, sein Knie voll zu belasten. Zu tief steckte die Furcht, die Kniescheibe könnte wieder heraushüpfen. Dass sich das mit der Operation geändert hatte, musste auf verschiedenen Ebenen vermittelt werden. Heute hat Sebastian keine Schmerzen mehr und darf sein Knie wieder voll belasten.

Bei seinem Ziel, wieder gehen zu lernen, hat er großen Willen und Selbstdisziplin bewiesen. Thomas und seine Physiotherapeutin Edith Vorhausberger mussten ihn bisweilen in seiner Motivation bremsen. Beinahe täglich hat Sebastian gefragt, ob sie denn heute zusammen Stufen steigen können, bis im Oktober endlich grünes Licht für dieses Projekt gegeben werden konnte.

Schon viel geschafft

Bald drei Jahre sind mittlerweile seit den ersten Knie-Problemen vergangen und innerhalb der Werkstätte ist Sebastian nun mit dem Rollator unterwegs. Betrachtet man Sebastians Fröhlichkeit, vermutet man nicht, dass der 24-Jährige schon einige Schicksalsschläge hinnehmen musste.

Sebastian hat schon viel erreicht und sein starker Wille treibt ihn weiter voran. „Ich will Kutsche fahren, ein Instrument lernen und wieder mobil werden", zählt Sebastian seine aktuellen Wünsche auf. So lernt Sebastian jetzt Akkordeon und trainiert fleißig Treppensteigen. Im Frühjahr will er mit seinem Wegtraining weiter machen, um den Arbeitsweg alleine meistern zu können. Ein großer Wunsch, den er schon lange hegt.

„Sebastian hatte es nicht leicht, macht aber stets das Beste daraus und hat seine Freude und Lust am Leben nicht verloren", erwähnt Andreas Zeininger und Thomas Wesenauer ergänzt: „Sebastian ist erwachsen geworden - ein richtiger Mann. Er ist weit gekommen und kann stolz auf sich sein".

 

Zur Newsübersicht

Einen Kommentar schreiben

Kommentar