"Ich könnte mir nichts anderes vorstellen"

von Lebenshilfe Oberösterreich (Kommentare: 0)

Schon im Alter von 17 Jahren fühlte sich Halima Dahmani in den sozialen Bereich berufen und absolvierte ein freiwilliges soziales Jahr, mit 18 startete sie die Ausbildung zur Fachsozialbetreuerin. „Ich könnte mir nichts anderes vorstellen. Menschen haben mich schon immer fasziniert und durch meiner Schwester kannte ich die Branche, in der ich mich sofort wohl gefühlt habe. Ich hatte gleich das Gefühl: hier kann ich was bewegen“, so Halima Dahmani.

Rituale, die keine Routine sind

Sieben Senioren begleitet Halima Dahmani in ihrer Gruppe im vollbetreuten Wohnhaus in Bad Ischl. Fixe Tätigkeiten und Gewohnheiten der Klienten strukturieren die Tagesabläufe, trotzdem ist kein Tag wie der andere. „Der Rhythmus richtet sich nach der Stimmung und den Wünschen der Bewohner. Jeder Tag ist spannend und anders“, erklärt Halima Dahmani.

Dabei ist es nicht immer leicht, Wünsche und Bedürfnisse zu ergründen. „Viele der Bewohner haben nicht gelernt, ihre eigene Meinung kundzutun. Man muss sie oft regelrecht herauskitzeln, um die persönlichen Wünsche dann ermöglichen zu können“, beschreibt die 25-Jährige eine ihrer beruflichen Herausforderungen.

Enttäuschungen miterleben

Zuvor hat Halima Dahmani fünf Jahre lang in einer teilbetreuten Wohngruppe in Vöcklabruck gearbeitet. Dadurch konnte sie einen großen Generationenunterschied beobachten: „Jüngere Menschen mit Beeinträchtigung haben gelernt, ihre Wünsche selbstbestimmt zu artikulieren. Das macht es einerseits einfacher, die Selbstbestimmung zu unterstützen, ist andererseits aber auch mit Rückschlägen verbunden“, erklärt sie und führt näher aus: „Wenn Wünsche unrealistisch sind oder aus Gründen körperlicher oder krankheitsbedingter Einschränkungen nicht erfüllt werden können, ist die Enttäuschung oft groß. Wenn ein Traum zerplatzt – wie beispielsweise einen Klettersteig zu gehen – dann geht die Enttäuschung der Bewohner auch mir nahe“.

Zur Weiterentwicklung beigetragen

Viele der geäußerten Wünsche resultieren aber auch in einem Erfolg. So etwa bei einem Paar mit Epilepsie, das es geschafft hat, zu zweit in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. „Sie waren so unglaublich stark. Beim ersten Eindruck konnte man sich nicht vorstellen, was alles in ihnen steckt. Sie haben sich weiterentwickelt und ich durfte etwas dazu beitragen“, berichtet Halima Dahmani, die die beiden auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet hat. 

Eine zweite Familie gefunden

Kurz darauf folgte im Jahr 2017 der Wechsel in die vollbetreute Wohngruppe in Bad Ischl, was mit neuen Herausforderungen verbunden war. „Vorher habe ich in einer Wohnung in Vöcklabruck gewohnt und unter der räumlichen Distanz zu meiner Familie gelitten. Ich bin ein Familienmensch und habe jetzt wieder mehr Zeit für sie“, strahlt die Ebenseerin. „Von den Bewohnern in Bad Ischl bin ich gut aufgenommen worden. Das hat mir einmal mehr gezeigt: ich habe mir den richtigen Beruf ausgesucht“, so Dahmani. Im Wohnhaus hat sie eine zweite, große Familie gefunden. „Ich verbringe viel Zeit mit den Klienten und bekomme auch viel zurück. In welchem Job hat man das schon?“, erzählt sie begeistert.

Heimatgefühle vermitteln

Mit Körperpflege und dem Zubereiten des Frühstücks beginnt ein Tag im Wohnhaus. Zwei Klienten fahren in die Werkstätte, die anderen Bewohner sind Senioren. Der Haushalt wird nach Möglichkeit gemeinsam gemacht, Einkäufe können aufgrund der zentralen Lage zu Fuß erledigt werden. Die Nachmittag werden gerne im Garten verbracht, auch abends kommt die große Terrasse oft zum Einsatz. „Im teilbetreuten Wohnen waren die Klienten aktiver. Hier im vollbetreuten Wohnen sind die Tage geregelter und ruhiger, die Senioren gehen ihren Hobbies nach und genießen die Zeit“, beschreibt die Betreuerin die Unterschiede der Arbeitsstätten. Wenn die Leute aus der Werkstätte heimkehren, gibt es traditionell ein gemeinsames Kaffeetrinken, das auch für Besprechungen genutzt wird. „Hier erzählt dann jeder, was er den Tag über gemacht hat, was ihn beschäftigt und es wird besprochen, was den restlichen Tag über geplant ist“, erklärt Dahmani.

„Manche der Bewohner wohnen schon seit über 20 Jahren zusammen. Da gibt es viele Freundschaften, aber manchmal auch Streitereien. Als Betreuer versucht man, sich soweit als möglich herauszuhalten. Meist schlichten sie die Streitereien selbst“, verrät Halima Dahmani. Überhaupt versuchen ihre Kollegen und sie, den Bewohnern zwar durch ihre Anwesenheit Sicherheit zu geben, aber nach Möglichkeit selbständig leben und entscheiden zu lassen. „Wir zeigen ihnen: Ihr seid hier daheim und wir sind nur die Gäste“, so Dahmani. Feste wie Ostern und Weihnachten, aber auch Geburtstage, werden besonders gefeiert. „Das würde man an einem anderen Wohnort auch machen und die Leute sollen sich hier schließlich zu Hause fühlen“, erklärt sie.

Aktivitäten aktivieren Bewohner

Ein Punkt, der die Arbeit nicht immer leicht macht, ist der schrittweise Verfall der älter werdenden Klienten. „Gerade bei Senioren und Bewohner mit Demenz ist das nicht immer leicht mitanzusehen. Da muss man sich schon persönlich abgrenzen und außerdem die Unterstützung geben, die sie in der Situation gerade brauchen“, so Dahmani und kritisiert: „Die Betreuung orientiert sich oft nach den Bedürfnissen von Personen mit hohem Unterstützungsbedarf. Selbstständigere Bewohner müssen hingegen zurückstecken. Durch Einsparungen im Personalbereich verschärft sich die Situation.“

Der motivierten Fachsozialbetreuerin ist es ein Anliegen, viel Zeit in der Natur zu verbringen und Ausflüge zu machen. Tiergärten, Aquarien und Zoobesuche stehen ganz oben auf der Beliebtheitsliste der Bewohner. „Man merkt, dass dann auch Menschen mit Demenz oder schwerer Beeinträchtigung viel aufmerksamer beobachten, sie sind aktiver als im Wohnhaus oder einfach von ihren Schmerzen abgelenkt. Nur selten gibt’s da ein Jammern. Natürlich sind Ausflüge mit einer großen Gruppe auch anstrengend, aber wenn man dann ihre strahlenden Gesichter sieht und sie noch eine Woche danach zufrieden darüber reden hört, weiß man, dass man das Richtige tut“, so Dahmani abschließend.

Halima Dahmani

Bei der Lebenshilfe OÖ seit: 2012
Beschäftigungsausmaß: 37 h/Woche
Alter: 25
Was sie an ihrem Job mag: dass man viel zurückbekommt, abwechslungsreiche Tage, Arbeit mit Menschen, ständiges Dazulernen

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