Volljährig. Und was dann?

von Lebenshilfe Oberösterreich (Kommentare: 1)

Sabine Haslehner macht sich gemeinsam mit dem „Zentrum für alle“ für den Ausbau fehlender Betreuungsplätze für Jugendliche stark. Als Mutter eines beeinträchtigten Sohnes gibt sie Einblicke darüber, welche persönlichen Konsequenzen fehlende Unterkünfte und Werkstättenplätze für die betroffenen Menschen und ihre Familien haben.

Als Benjamin, der Sohn von Sabine Haslehner, elf Jahre alt war, wurde ihr und weiteren betroffenen Eltern gleichaltriger Kinder mitgeteilt, dass die Chancen auf einen Betreuungsplatz nach Beendigung der Schulpflicht schlecht stehen. Schon damals, im Jahr 2010, waren die Wartelisten im Bezirk Grieskirchen, ebenso wie in ganz Oberösterreich, sehr lange.

Mit der Gründung des Vereines „Zentrum für alle“ tat man sich zusammen, kontaktierte immer wieder den Landeshauptmann sowie die Sozialabteilung des Landes OÖ und nutze auch die Medien, um Bewusstsein für die Wartelistenproblematik zu schaffen. „Besonders Eva Kapsammer aus Grieskirchen hat sich hier sehr eingesetzt, worüber wir äußerst dankbar sind“, so Sabine Haslehner wertschätzend, „Wenn man selbst berufstätig ist und ein beeinträchtigtes Kind zu betreuen hat, fehlt einem oft die Energie, selbst zum Hörer zu greifen.“

Kleine Erfolge geben Hoffnung

Die Bemühungen blieben nicht ohne einen Teilerfolg: die CARITAS-Hortgruppe der Region bekam vom Sozialressort des Landes die Erlaubnis, dass sie bis zum 18. Lebensjahr besucht werden kann. Dazu wurde eine eigene Jugendgruppe gegründet, die einen berufsvorbereitenden Schwerpunkt hat. Dieser Erfolg diente der Gruppe kurzzeitig als neue Motivationsquelle, dann wurde die Euphorie rasch gedämpft: Bei einem Termin beim Land OÖ im März 2012 wurde dem „Zentrum für alle“ wenig Hoffnung auf eine schnelle Verbesserung der Wartelistenproblematik gemacht.

Nach einigen Jahren der Versprechungen und Verschiebungen hat die Lebenshilfe OÖ nun endlich grünes Licht für den Bau und die Finanzierung einer Werkstätte in Haag am Hausruck erhalten. Eine hoffnungsvolle Nachricht für die Eltern beeinträchtigter Kinder in der Region. Doch die 28 neuen Plätze, die dadurch entstehen, decken den Bedarf noch lange nicht. „Ich hoffe sehr, dass dadurch auch ein Platz für Benjamin entsteht“, so die mittlerweile Alleinerziehende, für die die ungewisse Situation nach der Schulzeit sehr belastend ist. „Mein Sohn Benjamin ist jetzt 17 Jahre alt. Es bleibt nur noch ein Jahr Zeit, bis eine Alternative für eine Tagesstruktur gefunden werden muss“.

Stehenbleiben ist ein Schritt zurück

Sabine Haslehners größte Angst ist, dass Benjamin nach der Volljährigkeit untätig daheim sitzen muss und seine sozialen Kontakte sowie die mühsam gelernten Fertigkeiten wieder verliert. „Benjamin benötigt eine ständige Förderung, um das Gelernte nicht wieder zu vergessen. Das geht bei Menschen mit Beeinträchtigung oft schnell. Wozu war dann die Schulausbildung?“, fragt sich die besorgte Mutter.

So wie für Sabine Haslehner selbst hätte das Fehlen eines Betreuungsplatzes für viele andere Eltern in der Region besorgniserregende Auswirkungen: „Unsere Kinder können nicht alleine zu Hause bleiben. Erhalten sie keinen Werkstätten- bzw. Wohnplatz, sind meist die Mütter gezwungen, ihren Job aufzugeben“, so die Lehrerin. „Es ist schon traurig, wenn aus Kostengründen die Betreuungsplätze fehlen und anstelle der Gesellschaft die Eltern die Tagesbetreuung übernehmen müssen. Das ist ein 24-Stunden-Job und eine große Belastung“, weiß sie von vielen betagten Eltern, die oft jahrzehntelang ihre beeinträchtigten Kinder zuhause betreuen müssen.

Persönliche Einschränkungen sind an der Tagesordnung

Benjamin kann nicht sprechen, aber er kann sich ausdrücken und versteht viel. „Er lacht gerne und ist ein fröhlicher Junge, der überall gerne gesehen ist“, beschreibt ihn seine Mutter. Seine Entwicklung ist verzögert. Das machte sich bereits in der Kindheit beim Sitzen- und Gehen-Lernen bemerkbar. „Als Eltern mussten wir Geduld entwickeln und auch akzeptieren, dass gewisse Dinge wie zB ein Gasthausbesuch beziehungsweise überhaupt längeres Sitzen über Jahre hinweg nicht möglich waren, da Benjamin viel zu unruhig war“, berichtet die Mutter.

Mit kompetenter Förderung kann viel erreicht werden

In den letzten Jahren hat Benjamin viel dazugelernt, zum Beispiel in Bezug auf sein soziales Verhalten. Zurzeit absolviert er ein „Klotraining“ und macht auch hier große Fortschritte. Sabine Haslehner erachtet es als essentiell, Menschen mit Beeinträchtigung ein lebenslanges Lernen zu ermöglichen: „Bildung und Förderung sollen nicht mit der Schulpflicht enden. Ich bin selbst Lehrerin und weiß, dass sich das Lernen mit den eigenen Eltern oft schwieriger gestaltet als in einer fördernden Umgebung in einer Gemeinschaft“.

Wohnplätze nur für „Notfälle“

Einen Wohnplatz hat Benjamin mittlerweile erhalten, wofür die Mutter äußerst dankbar ist. „Eine familiäre Notsituation führte dazu, dass Benjamin zuerst einen Kurzzeitplatz erhielt und dann mit viel Glück bleiben konnte“, erzählt Sabine Haslehner. Im betreuten Wohnhaus wohnt er nun während den Schulwochen, am Wochenende und in den Ferien ist er zuhause. „Traurig ist jedoch, dass in einer Familie erst etwas passieren muss, damit man einen Platz bekommt“, findet sie. Schließlich soll ein junger Mann, egal ob mit oder ohne Beeinträchtigung, mit einem gewissen Alter sein Elternhaus verlassen können. „Ich finde es sehr wichtig, dass sich die jungen Leute von den Familien abnabeln und mit anderen Menschen in Kontakt treten können“, ist sich die Mutter sicher.

Als Betroffene hat sie dazu einen besonderen Einblick, der in Politik und Gesellschaft oft zu wenig Beachtung findet. „Wenn einen die persönlichen Probleme überrollen, die Beziehung darunter leidet und man sogar den Partner verliert, wenn man jahrelang nicht schlafen kann, weil man sich Sorgen macht, wie es mit dem eigenen Kind weitergeht, dann zehrt das schon an den Kräften“, berichtet sie von ihren eigenen Erfahrungen. Mit diesen ist sie kein Einzelfall. Zahlreiche Familien warten weiterhin verzweifelt auf einen Betreuungsplatz für ihre erwachsen werdenden Kinder.

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Kommentar von Barbara |

Ich habe auch einen Sohn mit einer mehrfachen Behinderung. Als er gesund auf die Welt kam, machte ich mir keine Gedanken mehr, dass auch nachher eine Behinderung - wie in seinem Fall - durch eine Erkrankung auftreten kann. Am Anfang war der Kampf ums Überleben, aber der richtige Kampf fing an, als ich merkte wie sehr das Leben dadurch beeinträchtigt wird. Neben den Therapien kamen die finanziellen Sorgen dazu, einen 40 Stunden Job kann man schlichtwegs nicht ausführen, da die Betreuungseinrichtungen fehlten und fehlen. Ich hatte Glück meinen Sohn mit 15 Jahren bei der Lebenshilfe in Scharnstein unterbringen zu können. Dies war aber nicht einfach und ich musste vielen Menschen mit vielen Telefonaten, Briefen etc. richtig nerven um einen Platz zu bekommen.
Es ist unendlich wichtig den betroffenen Eltern Gehör zu schenken und zu helfen. Was sind wir für ein Sozialstaat, wenn die schwächsten Menschen nicht unterstützt werden? Behinderung geht uns alle etwas an, wir werden alle im Alter mehr oder wenig beeinträchtigt. Da wünschen wir uns auch ein lebenswertes Leben in einem gutem Umfeld, mit gut ausgebildeten Personal, das auch Zeit für die Wünsche und Sorgen der Menschen hat.
Es muss aufgehört werden, dass beim Personal gespart wird. Diese Menschen leisten eine hervorragende Arbeit! Sie haben meinen Sohn weiterentwickelt, ich konnte es nicht mehr, war auch am Ende meiner Kräfte. Mittlerweile ist er 30 Jahre alt und mein Sonnenschein. Seine Freude ist riesig, wenn ich ihn abhole. Deswegen möchte ich mich zum Muttertag bei allen Betreuerinnen und Betreuern bedanken, die einen großen Teil meiner Mutter- und Vaterrolle so toll und mit soviel Liebe übernommen haben.
Ich ersuche alle Menschen die Behinderteneinrichtungen mit der Forderung zu unterstützen für alle Menschen mit Beeinträchtigung passende Wohn- und Arbeitsplätze zu schaffen.

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