Pressekonferenz der Lebenshilfe OÖ am 13. April 2016

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v.l.n.r.: Mag. Gerhard Scheinast (Geschäftsführer), Helga Scheidl (Präsidentin), Christa Buchinger (Vizepräsidentin), Dr. Josef Stockinger (Vizepräsident)

Neues Präsidium der Lebenshilfe Oberösterreich:

„Wir brauchen Barrierefreiheit in den Köpfen!"

Inklusionsfond soll soziale Lücke schließen helfen

Linz, 13. April 2016 – Mit Helga Scheidl aus Ried im Innkreis erhielt die Lebenshilfe Oberösterreich Ende des Vorjahres eine neue Präsidentin. Scheidl – selbst betroffene Mutter – folgt Ing. Franz Weiß nach, der die Lebenshilfe OÖ über Jahrzehnte, davon zwölf Jahre an der Spitze, geprägt hat. Gemeinsam mit Christa Buchner aus Steyr, Hubert Pointner aus Freistadt und Dr. Josef Stockinger aus St. Florian bildet Scheidl das neue Präsidium: „Wir sehen es als unsere Aufgabe, das Leitbild einer inklusiven Gesellschaft voranzutreiben, in der Menschen mit Beeinträchtigungen ihren selbstverständlichen Platz in der Gesellschaft einnehmen können. Dazu müssen viele Barrieren – in den Gebäuden, vor allem aber in den Köpfen der Menschen – abgebaut werden." Als absolut dringendstes Anliegen sieht die Lebenshilfe aber den Ausbau von betreutem Wohnraum an.

Mindestens 500 Wohnplätze fehlen laut aktueller Schätzung der Sozialabteilung des Landes. Realistischer Weise ist für Neubau und Betrieb der Wohnplätze von einem zusätzlichen Finanzierungsbedarf von jährlich rund 25 Mio. Euro auszugehen. Vor dem dringenden Bedarf dürfen die Augen nicht weiter verschlossen bleiben, im Gegenteil, Politik und Landesbudget müssen sich möglichst rasch darauf einstellen. Der vom Land OÖ in die kommenden Finanz-ausgleichsverhandlungen eingebrachte Inklusionsfonds könnte diese Lücke schließen: „Wir hoffen, dass dieses Vorhaben auch umgesetzt wird. Weil andere Bundesländer in den Belangen von Menschen mit Beeinträchtigungen deutlich hinter Oberösterreich nachhinken, müsste der Inklusionsfonds eigentlich ein gemeinsames und unbestrittenes Anliegen der Sozialpolitiker aller Bundesländer sein", so das neue Präsidium der Lebenshilfe.

Nach der fast völligen Eliminierung von körperlich und geistig behindertem Leben in der NS-Zeit, wird heute die erste Generation von Menschen mit Beeinträchtigungen alt, die nach dem Krieg geboren wurde. Die Lebenserwartung dieser Personengruppe hat sich nicht zuletzt durch das enorme Engagement der Eltern und verbesserte Betreuungsangebote seither beinahe verdoppelt. Dadurch steigt der Bedarf an geeignetem Wohnraum über-proportional. „Mehrere hundert dringend benötigte Wohnplätze sind überfällig, es gibt lange Wartelisten", skizziert Helga Scheidl, Präsidentin der Lebenshilfe OÖ eines der dringlichsten sozialen Probleme in Oberösterreich: „Viele Eltern, die ihre Kinder oft über Jahrzehnte selbst zuhause betreut haben sind nun inzwischen alt und oftmals selbst pflegebedürftig geworden. Die mittlerweile erwachsenen Kinder benötigen nun dringend einen betreuten Wohnplatz, den wir mangels Kapazitäten nicht anbieten können. Zwar hat das Land Oberösterreich im letzten Jahrzehnt viel investiert und zahlreiche Projekte umgesetzt, dennoch steigt die Zahl der verzweifelten Eltern und der dringlichen Fälle", so Scheidl. Auch viele für die betreuenden Eltern gedachten Kurzzeit-Pflegeplätze sind mittlerweile durch dringende Notfälle dauerbelegt, was pflegende Eltern bei Krankheit oder einer drohenden Überforderung verzweifeln lässt, weil die zur Entlastung notwendigen, kurzfristigen Unterbringungsmöglichkeiten fehlen.

Darüber hinaus bedürfen bestehende Einrichtungen - die ältesten stammen bereits aus den 1970er Jahren – vielfach einer Renovierung und Aufwertung, um weiterhin qualitativen Betrieb zu gewährleisten.

Alten- und Pflegeheime keine geeignete Lösung

Jüngsten Vorschlägen, wonach auch jüngere Menschen mit Beeinträchtigungen in bestehenden Alten- oder Pflegeheimen untergebracht werden könnten, erteilt die Präsidentin der Lebenshilfe OÖ eine klare Absage. Nach Auffassung der Lebenshilfe ist diese Idee nicht nur keine geeignete Lösung, sondern steht auch im Widerspruch mit der UN-Behindertenrechtskonvention: „Menschen mit Beeinträchtigungen brauchen ein aktivierendes und förderndes Umfeld. Eine gemeinsame Betreuung von jungen Menschen mit Beeinträchtigungen und Menschen in der Endphase ihres Lebens in bestehenden Alten- und Pflegeeinrichtungen ist aus Sicht der Lebenshilfe nicht sinnvoll möglich. Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft wäre dies ein klarer Rückschritt!

Grundsätzlich sollen auch ältere Menschen mit Beeinträchtigung so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld, bei Bedarf mit einer an die Bedürfnisse angepassten Tagesbetreuung weiterleben können. Eine Betreuung in einem Alten- oder Pflegeheim ist lediglich dort, wo eine notwendige medizinische Versorgung im gewohnten Wohnumfeld nicht mehr gewährleistet werden kann, sinnvoll.

Inklusive Gesellschaft als Ziel

Gemäß dem Selbstverständnis der Lebenshilfe Oberösterreich ist dieser Platz inmitten der Gesellschaft für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung besonders wichtig und muss deshalb mit allen Kräften gefördert werden. „Von diesem Idealbild einer inklusiven Gesellschaft sind wir noch weit entfernt", stellt Helga Scheidl fest: „Wir fördern die Inklusion, indem wir Kontaktpunkte zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen organisieren. So werden etwa heute Kaffeehäuser, Bauernläden oder Shops von der Lebenshilfe geführt. Wir arbeiten mit unseren Klienten beispielsweise

in der öffentlichen Grünraumpflege und integrieren diese mit Erfolg auch in Unternehmen, die bereit sind, sich dem Inklusionsgedanken zu öffnen und mit unseren Klienten für sie überraschend positive Erfahrungen machen.

Lebenshilfe OÖ als mahnende Stimme

Die Lebenshilfe Oberösterreich sieht sich als mahnende Stimme für die Anliegen von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. In der Sozialpolitik verdrängen tagespolitische Themen mit breiterem Zielpublikum die Anliegen von Menschen mit Beeinträchtigung allzu schnell aus der allgemeinen Aufmerksamkeit, ortet die Lebenshilfe Oberösterreich für sich und den Personen mit Beeinträchtigung noch Aufholbedarf im öffentlichen Bewusstsein.

Über die Lebenshilfe Oberösterreich

Die Lebenshilfe Oberösterreich wurde 1969 als Elterninitiative gegründet und besteht auch heute noch als gemeinnütziger Verein, der per Statut Wert darauf legt, dass neben betroffenen Angehörigen auch Menschen mit Beeinträchtigungen in den Gremien Sitz und Stimme haben und damit für die Weiterentwicklung Verantwortung tragen. Was 1969 mit einer Einrichtung in Vöcklabruck begann, ist durch die Zusammenarbeit mit dem Land Oberösterreich zu einem großen und engagierten Sozialbetrieb geworden. Mehr als 1400 Mitarbeiter tragen mit ihrer täglichen Arbeit das Profil der Lebenshilfe in Oberösterreich und betreuen in mehr als 80 Einrichtungen 1.727 Menschen. Davon haben 274 einen besonders hohen Betreuungs-bedarf. Das Land Oberösterreich unterstützt die Arbeit der Lebenshilfe jährlich mit rund 55 Mio. Euro.

Ehrenamtlichkeit in Zukunft gefragt

Das neue Präsidium hat sich als Schwerpunkt gesetzt, den Ausbau der ehrenamtlichen Mitarbeit voranzutreiben. Nicht als Konkurrenz zur professionellen Begleitung durch kompetente Mitarbeiter, sondern als Bereicherung in Form von gemeinsamen Sport- und Freizeitaktivitäten und auch als eine Möglichkeit zur Entlastung der Angehörigen jener Klienten, die zu Hause wohnen.

 

 

Rückfragen und weitere Informationen:

Mag. Gerhard Scheinast | Geschäftsführer Lebenshilfe OÖ

Email: sekretariat.gf@ooe.lebenshilfe.org | Telefon: 07672/27550-10164

Karin Paier, BA | Leitung Öffentlichkeitsarbeit

Email: presse@ooe.lebenshilfe.org | Telefon: 07672/27550-10117

 

Download Presseunterlagen der PK vom 13. April 2016

PK_13-04-2016_Lebenshilfe_OOE.pdf (296,1 KiB)

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